Die Welt

Dies ist der Begriff, mit dem man gewöhnlich das griechische Wort kósmos übersetzt, wann immer es in den Christlichen Griechischen Schriften vorkommt, mit Ausnahme von 1. Petrus 3:3, wo es mit „Schmuck“ wiedergegeben wird. Der Begriff „Welt“ kann folgende Bedeutungen haben: 1. die Menschheit als Gesamtheit, unabhängig von ihrem moralischen Zustand oder ihrer Lebensweise; 2. der äußere Rahmen der Verhältnisse, in die der Mensch hineingeboren wird und in denen er lebt (diese Bedeutung ist mitunter derjenigen des griechischen Wortes aiṓn, „System der Dinge“, sehr ähnlich); oder 3. die Masse der Menschen, die nicht zu Gottes anerkannten Dienern gehören.

 

Die King James Version hat nicht nur kósmos, sondern auch drei weitere griechische Wörter (gē; aiṓn; oikouménē) sowie fünf verschiedene hebräische Wörter (ʼérez; chédhel; chéledh; ʽōlám; tevél) an einigen Stellen mit „Welt“ wiedergegeben. Dadurch sind die Bedeutungen verwischt oder durcheinandergebracht worden, und das Erlangen eines richtigen Verständnisses über die betreffenden Schrifttexte wurde erschwert. Neuere Bibelübersetzungen haben beträchtlich dazu beigetragen, diese Verwirrung zu beseitigen.

 

Sowohl das hebräische Wort ʼérez als auch das griechische Wort (von dem die Wörter „Geographie“ und „Geologie“ stammen) bedeuten „Erde; Land“ (1Mo 6:4; 4Mo 1:1; Mat 2:6; 5:5; 10:29; 13:5), auch wenn sie an einigen Stellen sinnbildlich für die Bewohner der Erde stehen, wie in Psalm 66:4 und Offenbarung 13:3. ʽōlám (hebr.) und aiṓn (gr.) beziehen sich beide grundsätzlich auf eine Zeitspanne von unbestimmter Länge (1Mo 6:3; 17:13; Luk 1:70). aiṓn kann auch für das eine bestimmte Zeitperiode, ein Zeitalter oder einen Zeitabschnitt kennzeichnende „System der Dinge“ stehen (Gal 1:4). chéledh (hebr.) hat eine ähnliche Bedeutung und kann mit „Lebensdauer“ oder „System der Dinge“ wiedergegeben werden (Hi 11:17; Ps 17:14). oikouménē (gr.) bedeutet „bewohnte Erde“ (Luk 21:26), und tevél (hebr.) kann mit „ertragfähiges Land“ wiedergegeben werden (2Sa 22:16). chédhel (hebr.) kommt nur in Jesaja 38:11 vor und wird in der King James Version in dem Ausdruck „Bewohner der Welt“ mit „Welt“ wiedergegeben. Das Werk The Interpreter’s Dictionary of the Bible (herausgegeben von G. A. Buttrick, 1962, Bd. 4, S. 874) schlägt die Wiedergabe „Bewohner (der Welt) des Aufhörens“ vor, betont aber, daß die meisten Gelehrten die Lesart einiger hebräischer Handschriften bevorzugen, in denen chéledh steht anstelle von chédhel.

 

Die verschiedenen Bedeutungen von kósmos.

 

Die Grundbedeutung des griechischen Wortes kósmos ist „Ordnung“ oder „Einrichtung“. Da man den Schönheitsbegriff gewissermaßen mit Ordnung und Ebenmaß verknüpft, vermittelt kósmos auch diesen Gedanken und wurde deshalb von den Griechen häufig in der Bedeutung „Schmuck“ gebraucht, vor allem im Hinblick auf Frauen. In 1. Petrus 3:3 wird es auf diese Weise verwendet. Davon leitet sich auch das Wort „Kosmetik“ her. Das verwandte Verb kosméō hat in Matthäus 25:7 den Sinn von ‘in Ordnung bringen’ und an anderen Stellen von „schmücken“ (Mat 12:44; 23:29; Luk 11:25; 21:5; 1Ti 2:9; Tit 2:10; 1Pe 3:5; Off 21:2, 19). In 1. Timotheus 2:9 und 3:2 beschreibt das Adjektiv kósmios etwas, was „wohlgeordnet“ oder „ordentlich“ ist.

Offensichtlich weil das Universum von Ordnung zeugt, wandten griechische Philosophen kósmos zuweilen auf die gesamte sichtbare Schöpfung an. Allerdings gab es unter ihnen unterschiedliche Auffassungen, denn einige verstanden unter diesem Begriff lediglich die Himmelskörper, wohingegen andere ihn für das ganze Universum gebrauchten. Die Verwendung von kósmos, um die materielle Schöpfung in ihrer Gesamtheit zu beschreiben, kommt in einigen apokryphen Schriften vor (vgl. Weisheit 9:9; 11:17), die zu einer Zeit verfaßt wurden, als die griechische Philosophie in viele Bereiche der jüdischen Kultur eindrang. Doch in den inspirierten Aufzeichnungen der Christlichen Griechischen Schriften fehlt diese Bedeutung nahezu vollständig, wenn nicht sogar ganz. In einigen Texten hat es vielleicht den Anschein, als ob der Begriff in diesem Sinn gebraucht wurde, so z. B. in dem Bericht über die Rede des Apostels Paulus vor den Athenern auf dem Areopag. Paulus sagte: „Der Gott, der die Welt [eine Form von kósmos] und alles, was darin ist, gemacht hat, dieser, der der Herr des Himmels und der Erde ist, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind“ (Apg 17:22-24). Da der Gebrauch von kósmos in der Bedeutung von Universum unter den Griechen üblich war, benutzte Paulus den Ausdruck möglicherweise in diesem Sinn. Es ist jedoch durchaus möglich, daß er ihn selbst an dieser Stelle in einer der Bedeutungen verwendete, die im übrigen Artikel besprochen werden.

 

Wird mit der Menschheit in Zusammenhang gebracht.

 

In dem Werk Synonyma des Neuen Testaments von Richard Ch. Trench (Tübingen 1907, S. 130) heißt es im Anschluß an eine Darlegung über den Gebrauch von kósmos für das Weltall bei den Philosophen: „An diese Bedeutung, wonach κόσμος [kósmos] das materielle Weltall bezeichnet, . . . reiht sich die Bedeutung: der äussere Rahmen dessen, worin der Mensch lebt und sich bewegt, der für ihn da ist und dessen moralischen Mittelpunkt er bildet (Joh 16 21; 1 Kor 14 10; 1 Joh 3 17); . . . weiterhin die Menschen selbst, die Gesamtzahl der in der Welt lebenden Personen (Joh 1 29; 4 42; 2 Kor 5 19) und dann auf Grund hievon, und zwar ethisch gefasst, alle, die nicht zur Kirche [oder Versammlung; gr.: ekklēsía] gehören, die entfremdet sind von dem Leben aus Gott und durch böse Werke feindlich gegen ihn (1 Kor 1 20.21; 2 Kor 7 10; Jak 4 4).“

Desgleichen sagt der Gräzist H. Cremer in dem Buch Biblisch-theologisches Wörterbuch des neutestamentlichen Griechisch (1923, S. 621): „Indem nun κ. [kósmos] als d. Ordnung d. Dinge betrachtet wird, deren Zentrum d. Menschheit ist, richtet sich vorzugsweise auf letztere d. Blick, u. κόσμος [kósmos] bez[eichnet] . . . d. M e n s c h h e i t innerhalb solcher Ordnung d. Dinge, wie sie sich in derselben u. durch dieselbe darstellt. Mt 18, 7.“

 

Die ganze Menschheit.

kósmos oder „Welt“ wird daher in engen Zusammenhang oder in enge Verbindung mit der Menschheit gebracht. Das stellt man sowohl in der weltlichen griechischen Literatur als auch besonders in der Bibel fest. Als Jesus davon sprach, daß jemand, der im Tageslicht wandert, „das Licht dieser Welt [eine Form von kósmos] sieht“ (Joh 11:9), scheint es, als ob mit „Welt“ einfach die Erde gemeint ist, deren Tageslicht von der Sonne erzeugt wird. Aber in seinen folgenden Worten ist von jemandem die Rede, der in der Nacht wandert und irgendwo anstößt, „weil das Licht nicht in ihm ist“ (Joh 11:10). Gott erschuf die Sonne und die anderen Himmelskörper in erster Linie für die Menschheit. (Vgl. 1Mo 1:14; Ps 8:3-8; Mat 5:45.) Desgleichen sagte Jesus zu seinen Nachfolgern, wobei er Licht in geistigem Sinn gebrauchte, sie seien „das Licht der Welt“ (Mat 5:14); damit meinte er sicherlich nicht, daß sie dem Planeten Licht spenden würden, denn er erklärte weiter, daß sie als Lichtspender für die Menschheit — „vor den Menschen“ — dienen sollten (Mat 5:16; vgl. Joh 3:19; 8:12; 9:5; 12:46; Php 2:15). Das Predigen der guten Botschaft „in der ganzen Welt“ (Mat 26:13) bedeutet ebenfalls, daß der Menschheit als Gesamtheit gepredigt wird, genauso wie es in einigen Sprachen üblich ist, für den Ausdruck „jedermann“ die Wendung „alle Welt“ zu gebrauchen (vergleiche das französische tout le monde und das spanische todo el mundo). (Vgl. Joh 8:26; 18:20; Rö 1:8; Kol 1:5, 6.)

 

In einer Grundbedeutung bezieht sich kósmos somit auf die ganze Menschheit. Deshalb heißt es in der Bibel, daß der kósmos oder die Welt der Sünde schuldig ist (Joh 1:29; Rö 3:19; 5:12, 13) und einen Retter benötigt, der ihr Leben gibt (Joh 4:42; 6:33, 51; 12:47; 1Jo 4:14) — Dinge, die sich weder auf die unbelebte Schöpfung noch auf die Tiere anwenden lassen, sondern nur auf die Menschheit. Das ist die Welt, die Gott so sehr geliebt hat, daß „er seinen einziggezeugten Sohn gab, damit jeder, der Glauben an ihn ausübt, nicht vernichtet werde, sondern ewiges Leben habe“ (Joh 3:16, 17; vgl. 2Ko 5:19; 1Ti 1:15; 1Jo 2:2). Diese Menschenwelt bildet das Feld, auf das Jesus Christus den vortrefflichen Samen säte, die „Söhne des Königreiches“ (Mat 13:24, 37, 38).

 

Wenn Paulus davon spricht, daß die „unsichtbaren Eigenschaften [Gottes] . . . seit Erschaffung der Welt deutlich gesehen [werden], da sie durch die gemachten Dinge wahrgenommen werden“, muß er die Zeit von der Erschaffung der Menschheit an meinen, denn erst als die Menschheit ins Dasein kam, gab es auf der Erde Geschöpfe, die fähig waren, solche unsichtbaren Eigenschaften durch die sichtbare Schöpfung ‘wahrzunehmen’ (Rö 1:20).

Desgleichen heißt es in Johannes 1:10 von Jesus: „Die Welt [kósmos] kam durch ihn ins Dasein.“ Es stimmt zwar, daß Jesus an der Erschaffung aller Dinge beteiligt war, einschließlich der Himmel, der Erde und alles dessen, was sich darin und darauf befindet, doch bezieht sich kósmos hier in erster Linie auf die Menschheit, an deren Erschaffung Jesus ebenfalls beteiligt war. (Vgl. Joh 1:3; Kol 1:15-17; 1Mo 1:26.) Demgemäß lautet der Rest des Verses: „Aber die Welt [d. h. die Menschenwelt] erkannte ihn nicht.“

 

Die „Grundlegung der Welt“.

 

Die deutliche Verbindung zwischen kósmos und der Menschenwelt hilft einem auch, zu verstehen, was mit der „Grundlegung der Welt“ gemeint ist, auf die in einer Reihe von Texten Bezug genommen wird. In diesen Texten ist davon die Rede, daß sich gewisse Dinge „seit Grundlegung der Welt“ ereignen. Dazu gehört das ‘Vergießen des Blutes der Propheten’ von der Zeit Abels an, das ‘Bereiten eines Königreichs’ und ‘das Schreiben von Namen auf die Buchrolle des Lebens’ (Luk 11:50, 51; Mat 25:34; Off 13:8; 17:8; vgl. Mat 13:35; Heb 9:26). Solche Dinge haben mit dem Leben und der Tätigkeit von Menschen zu tun, weshalb sich die „Grundlegung der Welt“ nicht auf den Anfang der unbelebten Schöpfung oder der Tierwelt beziehen kann, sondern auf den Anfang der Menschheit beziehen muß. Aus Hebräer 4:3 geht hervor, daß Gottes Schöpfungswerke „seit Grundlegung der Welt beendet waren“ und nicht begannen. Da Eva offensichtlich das letzte irdische Schöpfungswerk Jahwes war, konnte ihr die Grundlegung der Welt nicht vorausgehen.

Somit ist unter der „Grundlegung der Welt“ nicht notwendigerweise der Beginn der Schöpfung des materiellen Universums zu verstehen; auch bezieht sich der Ausdruck „vor der Grundlegung der Welt“ (Joh 17:5, 24; Eph 1:4; 1Pe 1:20) nicht auf einen Zeitpunkt vor der Erschaffung des materiellen Universums. Diese Ausdrücke beziehen sich allem Anschein nach vielmehr auf die Zeit, als die menschliche Rasse durch den ersten Mann, Adam, und die erste Frau, Eva, ‘gegründet’ wurde, die außerhalb von Eden Samen zu empfangen begann, der aus Gottes Vorkehrungen zur Befreiung von der ererbten Sünde Nutzen ziehen konnte (1Mo 3:20-24; 4:1, 2).